Geworfenheit

2011‒2013, Diaprojektion aus 25 Dias im Loop

In der Ausstellung
Es wird Dir Vorteile einbringen, wenn Du Dein soziales Umfeld erweiterst

mit Arbeiten von
Selma Doborac, Dejan Kaludjerović, Milan Mladenović und Ekaterina Shapiro-Obermair

Die Ausstellung widmet sich der Frage nach dem Anderen. Im Widerspruch zur Idee von Slavoj Žižek, der eine fixe Definition der Grenzen des Balkans verneint und den Anderen immer „irgendwo anders“ lokalisiert, wird behauptet, dass der Andere inzwischen zu einem fixen Bestandteil der europäischen Metropolen geworden ist und als solches appropriiert wird. Das in den Anderen projizierte Gewaltpotenzial wird dabei als identitätsstiftendes Selbstbild übernommen oder sogar als Label eingesetzt.

Jede Migrationswelle basiert auf rechtlichen Grundlagen, die die aufnehmende Gesellschaft für diese entworfen hat. Vordergründig an die jeweiligen politischen Konstellationen angepasst werden dabei in erster Linie die eigenen historischen Traumatas aufgearbeitet, wenn etwa Deutschland JüdInnen aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion als Kontingentflüchtlinge aufnimmt oder Österreich den Kriegsvertriebenen aus dem ehemaligen Jugoslawien einen Sonderstatus erteilt. Die AkteurInnen der Migrationsprozesse werden zu TrägerInnen eines national-geschichtlichen Narrativs, das ihnen von außen zugewiesen wird, und verkörpern gleichzeitig das kollektiv Verdrängte.

Zur Geworfenheit von Ekaterina Shapiro-Obermair
Die fehlende geschichtliche Verbindung zur vorgefundenen Umgebung, die allen Zuwanderern eigen ist, könnte auch im Sinne der heideggerschen Existenzphilosophie gedeutet und mit dessen Begriff der „Geworfenheit“ beschrieben werden. Über das Faktums hinaus, dass jeder Mensch sich immer schon in einer Welt vorfindet, die er nicht geschaffen hat und innerhalb welche er für seine Existenz die Verantwortung übernehmen muss, wird diese Erfahrung von MigrantInnen auch auf einer alltagsweltlichen Ebene durchlebt. So verwendet etwa Ekaterina Shapiro-Obermair in ihrer gleichnamigen Dia-Arbeit Geworfenheit Ausschnitte aus Wiener Illustrierten der 1950er Jahren, d.h. aus einer Quelle, die für die Künstlerin primär als „fremde Vergangenheit“ fungiert. Es handelt sich um beinahe archetypische Motive, die aus der bürgerlichen Vorstellungswelt entnommen wurden. Doch hinter ihrer Harmlosigkeit verbergen sich die verdrängten kollektiven Erinnerungen. Isoliert auf einem gelblichen Hintergrund platziert bekommen die Bilder den Charakter einer Tatortaufnahme bzw. eines Beweisstücks und rufen dadurch Unbehagen hervor. Die Vergangenheit wird dabei nicht als etwas, was „vorbei“ ist, verstanden: Sie ist konstant in der Gegenwart präsent und bestimmt sowohl diese, als auch die Zukunft. Folgerichtig kann sie daher auch von Hinzugezogenen angeeignet werden.

25. Mai ‒ 7. Juni
Schneiderei.Home.Studio.Gallery
Zirkusgasse 38, 1020 Wien