Moskau, du bist nicht unsere Hauptstadt
Installation, vierteilig,
2010
Holz, Glas, Metall, Inkjet Print, Gouache, Karton, s/w Fotografie
Ausstellung: „Where do we go from here?“
mit Liliana Basarab (RO), Vesna Bukovec (SLO), Petra Feriancová (SK), Judit Fischer (HU), Philipp Fleischmann (A), Nilbar Güreş (TR/A), Marlene Haring (A), Nina Höchtl (A), Ana Hoffner (SRB/A), Käthe Ivansich (A), Gergely László (HU), Dorota Kenderová (SK), Johanna Kirsch (A), Eva Kot'átková (CZ), Gergely László (HU), Roberta Lima (BR/A), Marissa Lobo (BR/A), Olivia Mihaltianu (RO), Miklós Mécs (HU), Christoph Meier (A), Anna Molska (PL), Olivia Mihaltianu (RO), Ciprian Mureşan (RO), Jan Nálevka (CZ), Ioana Nemeş (RO), Timea Anita Oravecz (HU), Ekaterina Shapiro-Obermair (RU/A), Katarina Šević (SRB/HU), SZAF (Judit Fischer & Miklós Mécs), Adrien Tirtiaux (B/A), Jaro Varga (SK), Anna Witt (D/A) und anderen.
Kuratiert von Elisabeth Bettina Spör
Das Sprechstück untersucht postdramatische Theatralität und die damit
verbundene Auflösung der Theaterstruktur als Bestandteil gegenwärtiger
Subjektivierungsprozesse. Durch die Infragestellung des Theatralen und
des Dramatischen entsteht ein Wissen über das Schauspiel, über
Schauspieler und ihre einstudierten Rollen. Dadurch formieren sich
Sprechpositionen für jene Subjekte, die über ein Wissen über das
Dramatische und seine Ereignisse verfügen. Die Sprecher der
postdramatischen Theatralität erzeugen mithilfe dieses Wissens
postdramatische Situationen, die angesiedelt zwischen Realität und
theatralischer Fiktion, sich ihrer Involviertheit in Machtverhältnisse
nicht entziehen können. Das Sprechstück versucht sowohl die Rolle der
Sprecher als auch seine Wissensformen erneut zu dramatisieren.
where do we go from here? präsentiert zum überwiegenden Teil
neue, großteils eigens für die Ausstellung produzierte Werke von rund 30
KünstlerInnen. Die Ausstellung knüpft an das Format Junge Szene an, mit
dem die Secession seit 1984 in unregelmäßigen Abständen, zuletzt 2003,
jungen KünstlerInnen eine institutionelle Plattform und internationale
Aufmerksamkeit bietet. Neben der Konzentration auf „junge“ Kunst setzt
where do we go from here? ein deutliches Zeichen für die Präsenz von
Künstlerinnen und plädiert innerhalb einer globalisierten Welt für die
Etablierung des Bewusstseins eines gemeinsamen „Lebensraumes“
Zentraleuropa jenseits des überholten Ost-West-Antagonismus.
Mit der ursprünglichen Intention der Junge Szene-Ausstellungen
vor Augen war die Analyse der sich verändernden Rahmenbedingungen in den
letzten 20-25 Jahren wichtig für die Konzeption dieser Ausstellung.
Ausgangspunkt für die Eingrenzung auf den zentraleuropäischen Raum waren
die enormen Verände-rungen, die die Wiener Kunstszene(n) seither
durchlaufen haben. Wien zählt zu jenen Metropolen des „alten“ Europa,
die am unmittelbarsten von den geopolitischen Veränderungen der letzten
zwei Dekaden profitiert haben.
Das einstige Manko an Ausstellungsmöglichkeiten für „junge“
KünstlerInnen ist in den letzten Jahren durch eine zunehmend
unüberschaubare Fülle von Institutionen, Galerien, selbstorganisierten
Ausstellungsräumen, Festivals u. Ä. ersetzt worden.
Die im Titel
der Ausstellung gestellte Frage soll mehrdeutig und in
unter-schiedlichen Kontexten gelesen werden: Wörtlich genommen bezieht
sie sich auf ein die konkrete Lebens- und Arbeitspraxis unmittelbar
beeinflussendes Phänomen, dem sich heute eine Generation junger
KünstlerInnen gegenüber-sieht: der Anforderung nach uneingeschränkter
Mobilität und Flexibilität als Voraussetzung für die Chance auf eine
erfolgreiche Laufbahn. Studien-Austauschprogramme, Arbeits- und
Atelierstipendien sind zur Voraussetzung und gleichzeitig zum Motor
dieses Systems geworden - selbst Galerien unterhalten mitunter eigene
Atelier-Austauschprogramme. Im Extremfall führt diese Entwicklung zu
einem modernen Nomadentum, zu Entwurzelung und Isolation anstelle der
angestrebten Vernetzung und Integration.
Im übertragenen Sinn
bezieht sich die Titelfrage auf gesamtgesellschaftliche
Entwicklungstendenzen und insbesondere auf die Rolle, die Kunst – und
KünstlerInnen - innerhalb dieser einnehmen können. Mit der
Globalisierung des Kunstbetriebs, die als Folge des Kollapses des
osteuropäischen Kommunismus gesehen wird, wurde der alte Antagonismus
zwischen künstlerischer Autonomie und politischem/sozialem Engagement
insofern erneut virulent. Die politischen, gesellschaftlichen und
wirtschaftlichen Transformationsprozesse im heutigen Zentraleuropa
werden in einer Reihe von Arbeiten in der Ausstellung reflektiert. Viele
der ausstellenden KünstlerInnen sind in ihrer Kindheit und frühen
Jugend noch mit der Realität des Kommunismus bzw. mit der Teilung
Europas aufgewachsen und davon geprägt. Die in der Ausstellung
präsentierten Arbeiten handeln daher auf sehr unterschiedliche Weise die
Veränderungen – die in den ehemals sozialistischen Ländern viel
unmittelbarere Auswirkungen hatten – ab: Dokumentarische Praktiken
spielen dabei eine ebenso große Rolle wie partizipative Strategien oder
Humor, Ironie und Nostalgie.
Zuletzt unterstellt der Titel der
Ausstellung im vollen Bewusstsein der damit verbundenen Problematiken
ein kollektives „Wir“. In der innerhalb des internationalen Kunstfelds
vielfach rezipierten jüngeren politischen Theorie von beispielsweise
Antonio Negri und Michael Hardt wird eine „neue Gemeinschaft“ als
Alternative zur neoliberalen Weltordnung heftig eingefordert.
Kollaborative und partizipatorische künstlerische Praxen sind seit
langem aus dem Kunstfeld nicht mehr wegzudenken. Gleichzeitig boomt der
vom Kunstmarkt geschaffene und in der kommerziellen Logik angelegte
„Kunststar“ als heroische individualistische Figur. So arbeiten viele
der KünstlerInnen der Ausstellung immer wieder in Kollektiven oder
schließen sich für Projekte mit anderen KünstlerInnen, TheoretikerInnen
oder auch dem Ausstellungspublikum zusammen, während sie gleichzeitig in
ständiger Konkurrenz um Aufmerksamkeit, Ausstellungen, Verkäufe etc.
stehen.
Der Titel der Ausstellung ist Martin Luther Kings letztem Buch WHERE DO WE GO FROM HERE? Chaos or Community?
entliehen, das er 1967 geschrieben hat, als die schwarze
Bürgerrechtsbewegung nach den ersten großen Erfolgen in eine Krise
geschlittert war. Dieses Werk gilt als sein Vermächtnis und Zeugnis
seiner soziopolitischen Visionen und Hoffnungen – und ist in vielen
Punkten bis heute aktuell. Kings selbstreflexive und kritische Analyse
ist gleichzeitig die Momentaufnahme einer Gesellschaft vor der
Entscheidung, entweder im Chaos zu versinken oder für ein friedliches
und gleichberechtigtes Zusammenleben als Gemeinschaft einzutreten. Ohne
eine Analogie zur schwarzen Bürgerrechtsbewegung der 1960er-Jahre ziehen
zu wollen, sind viele der damals virulenten gesellschaftlichen Probleme
wie Rassismus, Diskriminierung, ungleiche Verteilung der Güter,
Mehrklassengesellschaften etc. bis heute gültig.
2. Juli – 29. August 2010
Secession, Wien
www.secession.at