Sowjetische Alltagsgegenstände. Corpus Delicti
Diplomausstellung an der Akademie der Bildenden Künste Wien, 2009
Gegenstand heißt auf Russisch „Vešč“, was sich etymologisch vom Verb „veščat“ (sprechen) ableitet. Vešč Objet Gegenstand hieß auch eine von El Lissitzky und Ilja Ehrenburg herausgegebene Zeitschrift. Im Zentrum der Arbeit „Corpus Delicti“ steht der Begriff „des Gegenstandes“ und in einem besonderen Maße des sowjetischen. Dieses Interesse ist nicht nur biographisch bedingt, denn die eigentliche Spezifika dieser Objekte besteht darin, dass ihr Kontext nicht mehr existiert. Ihre ursprüngliche Funktion ging verloren, ihre Ikonographie kann zwar noch gelesen werden, doch wird sie nicht mehr völlig verstanden. Dabei war der Begriff des „sowjetischen Gegenstandes“ bereits von Anfang an in gewisser Weise ein Paradox: Einerseits stand in der UdSSR das Ideologische, Geistige, Spekulative an erster Stelle. Andererseits verlangte der Materialismus, der die Grundlage der kommunistischen Theorie bildete, nach einer Denkweise innerhalb der Kategorien des Physischen.
Als Teil der Arbeit fungiert eine „gefundene“ Sammlung sowjetischer Gegenstände der russischen Dissidentin Ella Opalnaja, die in ihrer Autonomie zu einem der Elemente des Ganzen wird. Sie bildet eine Ausstellung innerhalb der Ausstellung. Die gleichen Objekte werden zweimal gezeigt. Einmal von Ella Opalnaja, einmal von Ekaterina Shapiro-Obermair. Die Form der verwendeten Vitrinen leitet sich aus verschiedenen Variationen eines keilförmigen Baumoduls mit einem 14 Grad Winkel ab, der sowohl vertikal, als aus horizontal einsetzbar ist. Ihr Rohmaterial besteht aus Wiener Möbel der 1950er Jahre. An den Wänden hängen drei Assemblagen, in den Zwischenräumen drei Grünlilien in sowjetischen Pflanzenhaltern aus den 1980er Jahren.
In der gesamten Installation sind Bezüge zum russischen Konstruktivismus deutlich. Diese sind nicht nur in der Formensprache, die zum allgemeinen Vokabular zeitgenössischer Kunst wurde, ablesbar, sonder auch in nach wie vor aktuellen Fragestellungen (wie z. B. der Diskrepanz zwischen autonomen Kunstwerk und angewandter Kunst bzw. der Beziehung zwischen Funktion und Form eines Gegenstandes). Ohne Inhalt sind die Vitrinen eigenständige skulpturale Objekte, sobald sie aber gefüllt werden, funktionieren sie primär als eine Repräsentationsplattform für die Sammlung.
Der Schwerpunkt der künstlerischen Auseinandersetzung liegt somit im Versuch, das Tätigkeitsfeld des Künstlers hin zu Kuration, Ausstellungsdesign, Architektur, Kulturologie und Ethnografie zu erweitern. Positionen des Künstlers, des Sammlers und des Kurators werden in eine Beziehung zu einander gestellt. Das Hantieren mit Fundstücken reaktiviert das kollektive Gedächtnis. Die Verbindung zwischen Erinnerung, Tradierbarkeit und Ästhetik, aber auch zwischen Gegenwart und einer erinnernden Vergangenheit bestimmt alle Elemente des Environments.
09. Juni – 26. Juni 2009
Akademie der bildenden Künste
Wien
Böcklinstraße 1,
1020 Wien
www.akbild.ac.at